Was ist eine Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110?

Grundlagen, Bedeutung und Ablauf

Anlagenzertifizierung VDE-AR-N 4110

Mit dem wachsenden Anteil dezentraler Energieerzeugungsanlagen im deutschen Stromnetz stellt die Netzstabilität eine der größten technischen Herausforderungen unserer Zeit dar. Photovoltaikanlagen, Windkraftanlagen, Batteriespeicher und Blockheizkraftwerke speisen heute in großem Umfang Strom in das Mittelspannungsnetz ein. Um sicherzustellen, dass diese Anlagen das Netz nicht gefährden, sondern aktiv zu seiner Stabilität beitragen, hat die VDE-AR-N 4110 klare Anforderungen definiert – und schreibt für viele Anlagen eine verpflichtende Zertifizierung vor.

Doch was genau steckt hinter der Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110? Welche Anlagen sind betroffen? Und wie läuft der Zertifizierungsprozess bei einer akkreditierten Stelle ab? Dieser Beitrag gibt Ihnen einen umfassenden Überblick.

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Was Sie wissen sollten

Anlagenzertifikat (A)

Die VDE-AR-N 4110 ist eine technische Anwendungsregel des VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V.) mit dem vollständigen Titel:„Technische Anschlussbedingungen für die Verbindung von Kundenanlagen an das Mittelspannungsnetz“

Sie gilt seit dem 27. April 2019 und ersetzt die frühere BDEW-Mittelspannungsrichtlinie. Die VDE-AR-N 4110 richtet sich an alle Anlagenbetreiber und Netzkunden, die Erzeugungsanlagen, Speicher oder Verbrauchsanlagen an das Mittelspannungsnetz (1 kV bis 60 kV) anschließen möchten.

Die Energiewende hat die Struktur des deutschen Stromnetzes grundlegend verändert. Während früher Strom zentral in großen Kraftwerken erzeugt und von oben nach unten verteilt wurde, speisen heute Millionen dezentraler Anlagen Energie in das Netz ein.

Dies stellt völlig neue Anforderungen an:

  • die Netzstabilität und Spannungshaltung
  • das Verhalten der Anlagen bei Netzstörungen
  • die Schutzeinrichtungen und deren Koordination
  • die Kommunikation zwischen Anlage und Netzbetreiber

Die VDE-AR-N 4110 legt deshalb verbindliche technische Mindestanforderungen fest, die alle angeschlossenen Anlagen erfüllen müssen – und verlangt für bestimmte Anlagen den Nachweis der Konformität durch eine akkreditierte Zertifizierungsstelle.

Die VDE-AR-N 4110 gilt für alle Kundenanlagen, die an das Mittelspannungsnetz angeschlossen sind oder werden sollen.

Dazu zählen insbesondere:

Entscheidend für die Zertifizierungspflicht ist dabei nicht allein die Anlagengröße, sondern die Art des Netzanschlusses und die installierte Leistung in Verbindung mit den Anforderungen des jeweiligen Netzbetreibers.

Die Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110 oder 4120 ist ein formales Konformitätsbewertungsverfahren, bei dem eine akkreditierte Zertifizierungsstelle prüft und bestätigt, dass eine Erzeugungsanlage oder ein Speichersystem alle technischen Anforderungen der VDE-AR-N 4110 oder 4120 erfüllt.

Das Ergebnis ist ein Anlagenzertifikat, das gegenüber dem Netzbetreiber als offizieller Nachweis der Normkonformität dient. Ohne dieses Zertifikat ist in vielen Fällen kein Netzanschluss möglich.

Die Zertifizierung umfasst die Überprüfung aller relevanten technischen Anforderungen der VDE-AR-N 4110, darunter:

  • Netzanschlussmanagement: Einhaltung der Anforderungen an Schutzeinrichtungen, Entkupplungsschutz und Wiedereinschaltbedingungen
  • Spannungshaltung und Blindleistungsmanagement: Fähigkeit der Anlage zur Bereitstellung von Blindleistung zur Netzstützung
  • Wirkleistungssteuerung: Möglichkeit zur Abregelung und Fernsteuerung durch den Netzbetreiber
  • Verhalten bei Netzfehlern: Fault-Ride-Through (FRT) – die Anlage muss Netzfehler überbrücken können, ohne sich abzuschalten
  • Schutzkonzept: Nachweis eines ordnungsgemäßen Schutzkonzepts inklusive Entkupplungsschutz
  • Kommunikationseinrichtungen: Anforderungen an Fernwirktechnik und Datenaustausch mit dem Netzbetreiber
  • Einheitenzertifikate: Nachweis, dass alle eingesetzten Komponenten (Wechselrichter, Generatoren etc.) über gültige Einheitenzertifikate verfügen

Rechtliche Grundlagen der Zertifizierungspflicht

Die Pflicht zur Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110 ergibt sich aus mehreren rechtlichen und normativen Quellen.

 

DIN ISO/IEC 17065 – Anforderungen an die Zertifizierungsstelle

Die DIN ISO/IEC 17065 ist die internationale Norm, die Anforderungen an Stellen definiert, die Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zertifizieren. Sie stellt sicher, dass Zertifizierungsstellen:

  • unabhängig und unparteiisch agieren
  • über ausreichende fachliche Kompetenz verfügen
  • transparente und nachvollziehbare Verfahren anwenden

Nur Zertifizierungsstellen, die nach DIN ISO/IEC 17065 akkreditiert sind – wie die M.O.E.  – sind berechtigt, anerkannte Anlagenzertifikate nach VDE-AR-N 4110 auszustellen. Die Akkreditierung wird in Deutschland durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) vergeben.

 

Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und NELEV

Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) verpflichtet Netzbetreiber, nur solche Erzeugungsanlagen an ihr Netz anzuschließen, die die technischen Anforderungen erfüllen.

Die NELEV steht für: „Verordnung über Anforderungen an Nachweise für die Einhaltung technischer Vorgaben für Energieanlagen“ (Netzanschluss-Einhaltungsverordnung – NELEV)

Sie ist seit dem 29. April 2019 in Kraft und bildet die rechtliche Grundlage dafür, dass Anlagenbetreiber den Nachweis erbringen müssen, dass ihre Energieanlagen die technischen Anforderungen der Netzbetreiber erfüllen.

 

VDE-AR-N 4110 als anerkannte Regel der Technik

Die VDE-AR-N 4110 gilt als anerkannte Regel der Technik im Sinne des deutschen Rechts. Ihre Einhaltung ist damit nicht nur eine technische Empfehlung, sondern hat quasi-rechtlichen Charakter – Netzbetreiber können den Netzanschluss verweigern, wenn die Anforderungen nicht nachgewiesen werden.

 

Ablauf: Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110

Bei M.O.E. als akkreditierte Zertifizierungsstelle nach DIN ISO/IEC 17065 folgt die Anlagenzertifizierung einem klar strukturierten Prozess
Prüfung in der Betriebsphase Windenergieanlage

Der Prozess beginnt mit der formalen Antragstellung durch den Projektentwickler. In einer Projektbesprechung werden geklärt:

  • Art und Leistung der zu zertifizierenden Erzeugungsanlage
  • Anwendbare Normen und Anforderungen (VDE-AR-N 4110 und ggf. weitere)
  • Vorhandene Unterlagen und Zertifikate der Komponenten
  • Zeitplan und Meilensteine des Projekts

Bevor die Erzeugungsanlage als Ganzes zertifiziert werden kann, müssen alle wesentlichen Komponenten über gültige Einheitenzertifikate verfügen. Dazu zählen insbesondere:

  • Wechselrichter und Umrichter
  • Generatoren und Transformatoren
  • Schutzrelais und Entkupplungsschutzeinrichtungen

Die M.O.E. prüft, ob alle vorliegenden Einheitenzertifikate aktuell, vollständig und für die konkrete Anlage anwendbar sind.

Im nächsten Schritt erfolgt eine umfassende Dokumentenprüfung. Eingereichte Unterlagen umfassen typischerweise:

  • Übersichtsschaltplan
  • Schutzkonzept und Schutzeinstellungen
  • Blindleistungs- und Wirkleistungsregelkonzept
  • Nachweise zur Fernwirktechnik und Kommunikationseinrichtungen
  • Herstellererklärungen und Konformitätsnachweise

Nach Abschluss aller Prüfungen werden die Ergebnisse bewertet und eine Zertifizierungsentscheidung getroffen:

  • Anlagenzertifikat wird erteilt – alle Anforderungen der VDE-AR-N 4110 sind erfüllt
  • Auflagen werden erteilt – geringfügige Abweichungen müssen behoben werden und innerhalb der Konformitätserklärung bestätigt werden
  • Zertifikat wird verweigert – wesentliche Anforderungen sind nicht erfüllt

Nach positiver Entscheidung stellt die M.O.E. das Anlagenzertifikat aus. Dieses enthält:

  • Eindeutige Identifikation der zertifizierten Anlage
  • Geltungsbereich und geprüfte Normen
  • Gültigkeitsdauer des Zertifikats
  • Eventuelle Auflagen oder Einschränkungen

Das Zertifikat wird dem Netzbetreiber als Nachweis der Konformität vorgelegt und ist Voraussetzung für den Netzanschlusszusage und vorläufige Betriebserlaubnis.

Technische Prüfung und Vor-Ort-Inspektion

Nach erfolgreicher Inbetriebnahme erfolgt die Inspektion der Anlage vor Ort. Die Prüfer der M.O.E. überprüfen dabei:

  • Übereinstimmung der Erzeugungsanlage mit dem Anlagenzertifikat
  • Korrekte Installation und Einstellung aller Netz- und Anlagenschutzeinrichtungen
  • Nachweis über ein Schutzprüfprotokoll, welches u.a. bei M.O.E. beauftragt werden kann
  • Funktionsfähigkeit der Fernwirktechnik und Kommunikationsverbindungen

Die Anlagenzertifizierung ist kein einmaliger Vorgang. Bei wesentlichen Änderungen an der Anlage – etwa dem Austausch von Wechselrichtern, Erweiterungen oder Änderungen am Schutzkonzept – ist eine Nachzertifizierung erforderlich. Die M.O.E. begleitet ihre Kunden auch in dieser Phase kompetent und zuverlässig.

Sie planen eine Erzeugungsanlage am Mittel- oder Hochspannungsnetz?

Vorteile der Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110

Für Projektentwickler und Anlagenbetreiber

Netzanschluss sicherstellen

Ohne gültiges Anlagenzertifikat kein Anschluss ans Mittelspannungs- oder Hochspannungsnetz

Rechtssicherheit

Nachweis der Normkonformität schützt vor Haftungsrisiken

Haftungsschutz

Nachweisbare Normkonformität reduziert das Haftungsrisiko

Effizienz

Strukturierter Zertifizierungsprozess spart Zeit und Ressourcen

Die Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110 ist für alle Betreiber von Erzeugungsanlagen und Speichern am Mittel- und Hochspannungsnetz ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg zum Netzanschluss. Sie stellt sicher, dass die Erzeugungsanlage alle technischen Anforderungen erfüllt, das Netz nicht gefährdet und aktiv zur Netzstabilität beiträgt.

Der Zertifizierungsprozess folgt bei akkreditierten Stellen einem klar definierten Ablauf – von der Antragstellung über die Prüfung der Einheitenzertifikate und der Anlagendokumentation bis zur Vor-Ort-Inspektion und der Ausstellung des Anlagenzertifikats. Entscheidend ist dabei die Wahl einer nach DIN ISO/IEC 17065 akkreditierten und von der FGW zugelassenen Zertifizierungsstelle, deren Zertifikate von Netzbetreibern und Behörden anerkannt werden.

Die M.O.E. steht als akkreditierte Zertifizierungsstelle für kompetente, unabhängige und transparente Anlagenzertifizierung nach VDE-AR-N 4110 und 4120. Wir bringen die Erfahrung von über 2.500 ausgestellten Anlagenzertifikate in ihrem Projekt ein. Sprechen Sie uns an – wir begleiten Ihr Projekt von der Planung bis zum erfolgreichen Netzanschluss.

Mehr über M.O.E.

Vertrauen durch Anerkennung: Unsere Auszeichnungen und Zertifizierungen im Fokus

Akkreditiert als Zertifizierungsstelle nach DIN EN ISO/IEC 17065, Inspektionsstelle nach DIN EN ISO/IEC 17020 und als Prüflabor nach DIN EN ISO/IEC 17025 von der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS). Ehemals empfohlen vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW) und aktuell von der FGW e.V. – Fördergesellschaft Windenergie und andere Erneuerbare Energien.

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